
Ich konnte heute Morgen gar nicht schnell genug loskommen. Blöderweise bin ich natürlich direkt wieder in den dichtesten Verkehr von Lima herein gefahren, den es geben kann. Als ich sah weshalb, ging der Blinker rechts, das Auto wurde mitten auf der Schnellstraße geparkt und flinken Schrittes ging ich zur Unfallstelle. Kurz im Kopf alles vergessene Wissen zusammensammeln und dann war ich auch schon mitten in Anamnese und Untersuchung. Auf Spanisch ist das echt schwer. Wenn der Patient dann sagt, er versteht mich nicht und er eine Kopfverletzung und Rückenschmerzen hat, ist man froh, wenn die anderen Ersthelfer als Übersetzer fungieren können und man sicherstellen kann, ob er verwirrt ist oder das eigene Spanisch einfach noch zu schlecht ist in medizinischen Belangen. Sehr schnell hatte ich eine Menge Leute um mich herum stehen. Nach und nach kamen Kollegen der Municipalidad Lima viel zu hektisch angeradelt, um nach ihrem Mann zu schauen. Der eine sogar so nervös, dass er sich selbst noch langlegte. Als die Ambulanz endlich kam, wollte ich eine Übergabe machen, aber das hat sie nicht wirklich interessiert. 5 Minuten wurde versucht, dem Patienten einen Gilchrist anzulegen und ich hätte den Rettungssanitäter am Liebsten mal so richtig belehrt, aber dazu war mein Spanisch gottseidank zu schlecht. Ohne Schmerzmittel wird er auf die Trage mobilisiert und weg sind sie. Die anderen Ersthelfer bedanken sich bei mir und schicken mir sogar ein Foto. Blutverschmiert steige ich ins Auto und fahre nun aber wirklich raus aus Lima. Ein Autofahrer gestikuliert mir wild entgegen, dass ich mein Fenster runter machen solle. Musik aus, langsamer fahren und Fenster runter. Mitten auf der Autobahn ruft er mir zu: “Oben gibt es extrem viel Nebel, fahr ja vorsichtig!”. Ich bedanke mich und er ist weg. Mit jedem Meter den ich höher komme, wird es tatsächlich nebliger bis die Sicht nur noch gute 20 Meter beträgt. Die Autos tauchen auf wie aus dem Nichts auf und haben alle Warnblinker an. Ich reihe mich ein. Der Rest der Weges wird also mit Warnblinker gefahren, bis ich am Nationalpark-Eingang von Lomas de Lachay angekommen bin. Ab jetzt wird es anders abenteuerlich. Holprige Straßen führen mich zum Startpunkt meiner Wanderung. Rein in die Regenjacke und los geht’s. 3 Stunden soll es dauern. Ich komme beim ersten Aussichtspunkt an und sehe exakt nichts. Ich muss etwas schmunzeln. Da ich keine Weitsicht habe, versuche ich mich auf die kleinen Dinge in meiner unmittelbaren Umgebung zu konzentrieren. Blümchen, Schnecken, Steine, ein bisschen Müll von ungezogenen Wanderern darf natürlich auch nicht fehlen und Bäume in Grusel erregenden Formen. Mit jedem Meter, den ich aufsteige, wird es ungemütlicher. Es regnet stärker und der Wind pfeift mir um die Ohren. Die anderen Wanderer drehen nach und nach um. Sie sind absolut nicht für dieses Wetter ausgerüstet. Als ein Mädel versucht einen Regenschirm aufzumachen, muss ich auflachen. Sie kämpft etwas und sieht es dann auch ein, dass das keinen Sinn macht bei diesem Wind. Als es wieder bergab geht, kämpfen die anderen mit jedem Schritt. Für sie ist es die reinste Rutschpartie. Ich spaziere gemütlich an ihnen vorbei. Und plötzlich klart die Sicht auf und ich kann meinen Augen nicht glauben. Ich schaffe genau einen Meter und bleibe stehen, um Fotos zu machen. Wieder ein Meter und das gleiche Spiel. Ich denke mir nur, was bin ich froh, dass ich nicht die ganze Zeit klare Sicht hatte, ich wäre ja morgen noch nicht durch mit den Bildern. Ich steige also im Schneckentempo ab und bestaune die Schönheit der Natur. Extrem grüne Hügel, schmale Wege schlängeln sich an ihnen entlang und dahinter liegen die Sanddünen und das Meer. Ich schnappe mir mein Auto und suche mir genau hier ein Plätzchen zum Übernachten, ganz still und heimlich schlafe ich heute im Nationalpark und hoffe, dass ich nicht im Nebel verschwunden gehe.
