
Sonntag und Tag 8 in Yunguyo. Heute habe ich mir vorgenommen, weiter zu reisen. Ich bin zwar immer noch ziemlich verschnupft, aber im Allgemeinen geht es mir viel besser. Da ich heute zum fünften, aber finalen Mal aus Peru ausreisen werde, musste ich noch einige Vorkehrungen treffen, bevor ich das Land verlassen konnte. Nein, es betrifft leider nicht Biesti, ich denke, wir werden uns wohl nicht wieder sehen, also geht es ohne Auto weiter auf meiner Reise. Da ich den lila Mais und all seine Verarbeitungen liebe, wird heute nochmal ein ordentliches Care-Paket auf dem Markt zusammengestellt: Mazamorra morada, Api und dann kommt Johan auf die beste Idee. Warum nehme ich nicht einfach 2 Maiskolben mit nach Hause und probiere diese anzubauen. Er musste mich nicht lange davon überzeugen. Und wer weiß, vielleicht vertreibe ich in Zukunft lila Mais in Deutschland. Auf dem Markt ist heute die Hölle los, so viele Menschen habe ich lange nicht gesehen und da heute der Karneval beginnt, gibt es noch mehr Marktstände. Einen davon habe ich auf dem heutigen Foto des Tages festgehalten. Auch werden hier und dort Leute am Straßenrand geschminkt oder frisiert, kurz gesagt, für den Karneval schick gemacht. Als wir alles beisammen hatten, gab es mal wieder einen herzensschweren Abschied. Johan brachte mich noch zum Collectivo und ich war auf dem Weg zur bolivianischen Grenze in Desaguadero. Wie schön das letzte Mal, war eine unendlich Lange Schlange vor der Migrationskontrolle, nur dass sie diesmal doppelt so lang war. Ich hatte keine andere Wahl, als mein Schicksal zu akzeptieren und mich hinten anzustellen. Mit Sack und Pack ging es schleppend voran. Die Sonne wurde mit jeder Minute stärker. Die Familien wechselten sich ab und gingen eviche am Straßenrand essen, sich ein Kaltgetränk oder Eis holen oder wechselten schon mal Geld. Da ich allein unterwegs bin, musste ich auch allein eisern meinen Platz in der Reihe verteidigen und ausharren. Irgendwann machte mein Kreislauf schlapp, dass ich mich auf meinen Kartoffelsack setze und anfing zu lesen, um mir so die Zeit zu vertreiben. Beste Entscheidung in diesem Moment. Stück für Stück ging es voran und als ich kurz vor dem Eingang war, bat mich eine Frau, sie vorzulassen. Es läge ein Notfall vor. Ich bin ja nicht so, also ließ ich sie vor. Was ich damit für ein Aufstand anfochte, ahnte ich nicht. Alle Leute redeten, besser schrien auf sie und mich ein. “Wir warten hier seit 2 Stunden!”, “Was soll das?!”, “Das kann doch nicht sein!”. Die Diskussion setze sich im Migrationssaal lautstark fort. Mit Fingern wurde auf die Frau gezeigt, die mittlerweile weinte. Ein Grenzbeamter ging zu ihr. Alle dachten, nun wird sie aus der Reihe geschmissen, doch zu meinem Triumph fragte er, was es für eine Art Notfall sei und sie kam sogar noch schneller an die Reihe. Ich lachte mir insgeheim ins Fäustchen und bekam bald darauf meinen Ausreisestempel. Nun musste ich das ganze nur noch in Bolivien hinter mich bringen. Zu meiner Überraschung gab es hier kaum eine Schlange, sodass ich nach der ganzen Aufregung, schnell meinen bolivianischen Einreisestempel im Pass hatte und im Collectivo nach La Paz saß. Aus dem Collectivo raus, hält sofort ein Taxi ohne heranwinken an und er fährt in eine ganz andere Richtung wie ich eigentlich will. Nach misstrauischem Nachfragen meint er, es gibt einen neuen Busterminal in El Alto, der ist Näher und hat mehr Abfahrten. Gut, dass er das einfach mal von sich aus entschieden hat und ich natürlich wie immer noch kein Ticket habe, da geht das klar. Ich bleibe trotzdem weiterhin sehr skeptisch und verfolge alles auf Google Maps mit, ohne zu sehen, wo dieser Busbahnhof ist. Der 25-jährige Taxifahrer fragt mir indes Löcher in den Bauch und will mit mir nach Deutschland kommen. Ich kann nur darüber lachen. Direkt neben dem Flughafen taucht dann auch ein riesiger Busbahnhof auf. Er hat also doch Recht gehabt. Ich schleppe also mein Zeug in die riesige Halle und werde von allen Verkäufern angefallen wie Frischfleisch. Der erstmögliche Bus nach Sucre ist meiner! Wer hat welche Zeit zu bieten? 18:15 habe ich den Busbahnhof betreten, wobei Busbahnhof wirklich komplett untertrieben klingt. Es sieht eher aus wie in einem Flughafen und ist auch genauso sauber erstaunlicherweise. 18:30 ist Boarding und 19:00 geht es los. Da ich heute erst Frühstück hatte, decke ich mich am Bahnhof noch mit essen ein. Zum Avocado-Käse-Sandwich gibt es einen heißen Anis-Tee und als Nachtisch hole ich mir noch wo anders warmen Milchreis. Als ich all meine Sachen mit meinen 5 Händen und Armen irgendwie verstaut habe und meinen Platz im Bus gefunden habe, ich werde 11 Stunden durch die Nacht fahren, finde ich keine Toilette. Ich frage also direkt noch nach, ob es wirklich keine Toilette gibt und darf mich noch schnell im Busbahnhof entleeren gehen, bevor ich all mein Essen direkt neben dem Essen-und-Trinken-verboten-Schild genieße, während unsere Namen mit unseren Sitzplätzen abgeglichen werden und wir bevor wir vom Gelände herunterfahren, jeder noch 2,50 Bolivianos für die Nutzung des Busterminals löhnen müssen. Und dann beginnt die Fahrt durchs dunkle Bolivien…