Salcantay-Trek: Tag 3

Heute bin ich in 14 Stunden 45km gewandert. Ich muss erstmal schlafen…

Nachdem ich ausgeschlafen war, konnte ich auch schlussendlich über den gestrigen Tag schreiben:

Da es die gesamte Nacht wie in Strömen durchgeregnet hatte, wurde uns empfohlen, nicht den schmalen Wanderweg, sondern die etwas breitere Bergstraße zu nehmen. Es sah aus, als hätte da Wetter nur darauf gewartet, dass es Februar ist, denn es regnet immer noch, als wir uns, die neun Franzosen und ich, um 6 Uhr auf den Weg machen. Nicht weit und der Regen zeigt selbst auf dem guten Weg, seine Auswirkungen. Bei einem frischen Felssturz versinken wir teilweise bis zum Knie im lehmigen Schlamm-Stein-Matsch. Aber wir können nur darüber lachen. Wie überqueren den Fluss, der sich Jahrhunderte lang in den Stein gefressen hat, wo ich das Foto des Tages geschossen habe und gehen strammen Schrittes gemächlich bergab bis es plötzlich nicht mehr weiter geht. Der Weg ist komplett verschüttet bzw abgebrochen. Es fallen auch ständig Steine in allen Größen von oben nach. Lange überlegen wir, was wir machen sollen. Zurückgehen und doch den schmaleren und steileren Wanderweg nehmen? Doch der ist doch definitiv auch verschüttet, wenn dieser Weg schon Probleme macht? Es ausprobieren? Eine andere Alternative über den Fluss, der durch letzte Nacht zu einem reißenden Strom geworden ist, finden? Ganz in der Nähe finden wir eine Drahtseilvorrichtung mit einem Korb daran. Der Mann, der auf der anderen Seite der Schlucht wohnt, kommt zu uns und erklärt uns, dass wir den Wanderweg auf keinen Fall nehmen können! Letzte Woche sind dort 2 Einheimische ums Leben gekommen. Wir könnten seinen Seilzug benutzen und er würde jeden von uns auf die andere Seite bringen, allerdings kommen wir von dort aus nicht wieder nach drüben, da das nächste Drahtseil keinen Korb mehr hat und bis zum nächsten Seil der Wanderweg mehrfach verschüttet ist. Also gehen wir wieder zurück zu unserem Felssturz. Wir müssen es versuchen. Da keiner die Initiative ergreift, liegt es an mir. Ich wage mich nach oben. Auf den größeren Felsen fühle ich mich noch Recht sicher, je weiter ich nach oben und links komme, umso steiler und loser werden die Steine. Ich taste mich langsam voran. Versuche einen großen Stein zu finden, auf dem mein Fuß Platz findet, das Geröll unter ihm zu verdichten und somit eine Stufe zu kreieren, während es neben mir nach und nach alles in den Abgrund rieselt. Ich komme gut voran, bis ich der Wahrheit ins Auge blicken muss. Weiter zu gehen wäre tatsächlich Selbstmord. Ich muss umdrehen. Schwierig! In Zeitlupe drehe ich meinen Körper und der Stein unter mir rutscht weg. Ich lande auf dem Po und die Steine unter mir fangen an abzurutschen. Physik!!! Ich versuche mein gesamtes Gewicht bestmöglich auf alle Steine zu verteilen. Im Liegen rutsche ich noch im Schneckentempo etwa einen halben Meter weiter, doch ich werde langsamer und komme langsam zum stehen. Jetzt muss ich nur irgendwie wieder aufstehen, ohne direkt wieder einen Hangrutsch auszulösen. Die großen Steine zu meiner linken sind der Schlüssel. Ganz langsam und mit bedacht, wie beim Klettern nur mal anders herum, den Abgrund direkt vor Augen, verlängere ich mein Körpergewicht. Geschafft! Dank der Ruhe der Anderen und der Hilfe der Erfahrensten und natürlich auch meiner Erfahrung konnte ich hier heile wieder herauskommen. Alle sind platt und erstmal sprachlos. Kurz darauf kommt Hilfe. Die einheimischen Männer fangen von beiden Seiten an, einen Weg zu bauen. Mit Spitzhacke kämpfen sie sich durch das Stück, an dem ich gescheitert bin. Immer wieder müssen sie ihre Arbeit unterbrechen, da Steine von oben nach fallen. Doch dann ist es vollbracht. Nach einer Stunde, haben wir einen gefährlichen aber passierbaren Weg. Und schaffen es alle auf die andere Seite. Von hier an gehe ich erstmal ein ganzes Stück hinter der Gruppe weiter. Ich muss etwas herunterfahren und mich wieder mit der Natur und Umgebung verbinden. Der Strom tobt immer noch links unterhalb von mir. Ständig sehe ich ein Motorrad am Wegrand, das mir verrät: Etwas weiter unten gibt es ein Drahtseil zur anderen Seite, wo wohl jemand wohnt. Auch den Wanderweg bekomme ich ab und zu zu Gesicht und er ist wirklich total verschüttet und nicht mehr passierbar. Ich muss ein paar Flüsse durchqueren, die sich alle mit dem Strom vereinigen wollen. Da aman ja direkt am Anfang mit dem Fuß im Schlamm steckte, kann man jetzt auch einfach durch das Wasser waten ohne Angst zu haben, nasse Füße zu bekommen. Dafür ist es eh zu spät. Halb 12 treffe ich wieder auf die anderen. Sie haben ein gutes Plätzchen für unsere Mittagspause gefunden, also Geselle ich mich dazu. Nach nur kurzem Ausruhen geht es weiter. Diesmal wieder steiler bergauf. Der Weg führt uns zunächst durch ein paar Kaffeeplantagen in denen uns hier und da ein Huhn oder ein Truthahn hallo sagt. Je höher wir kommen, umso feuchter wird das Klima. Bananen gesellen sich zum Bild hinzu. Die Gruppe wird durch unterschiedliche Lauftempo getrennt. Ich bin irgendwo in der Mitte wieder allein. 3 Stunden läuft mir der Schweiß im vom Gesicht. Dann sehe ich das Zeichen “Llactapata”. Ich komme an der Inka-Ruine vorbei und weiß, jetzt ist es nicht mehr weit bis zur Unterkunft. Der Weg ist mittlerweile wie im Dschungel. Nass, schmal und super grün. Es regnet wieder wie in Strömen nachdem es sich zwischendurch gottseidank etwas beruhigt hatte. Als ich ankomme, sind die ersten bereits seit 40 Minuten da. Zu meiner Überraschung haben sie noch niemanden gefunden, der uns in Empfang nimmt. Während ich aus den nassen Schuhen und Klamotten schlüpfe, kommen 2-3 Arbeiter vorbei, die von uns nichts wissen wollen. Nach 1,5 Stunden ist die Gruppe wieder vollständig. Gemeinsam entscheiden wir, die morgige Tagesetappe noch dranzuhängen, da man uns hier scheinbar nicht haben möchte. Es ist halb 4 als wir uns wieder auf die Socken machen. Wir haben bereits 29 km hinter uns. Beim Abstieg auf der anderen Seite des Berges fallen dann die ersten Gebrechlichkeiten auf. Die Muskeln beginnen zu krampfen, die Knie und Knöchel tun weh. Bei Manu, die seit dem morgen ihren 60-Liter-Rucksack ohne Wanderstöcke durch die Gegend schleppt, versagen die Beine. Ich kann nach einer kleinen Predigt die Gruppe davon überzeugen, ihre Sachen auf uns aufzuteilen und sie bekommt Wanderstöcke vom jemandem, der noch fit auf den Beinen ist. So kann es wieder weiter gehen. Unten angekommen, überqueren wir mit einen schwungvollen Hängebrücke abermals den Fluss. Noch ein Stück flach am Fels weiter und wir kommen bei der “Hydroelectrica” an. Dem Zug, der uns nach Aguas Calientes hätte bringen können. Doch natürlich sind wir zu spät. Also heißt es noch 2,5 Stunden entlang der Bahnschienen laufen. Zu unserer rechten rauscht es unaufhaltsam. Der Fluss ist riesig und durch die vielen Sedimente rosa gefärbt. Noch ein bisschen Regen und er tritt über die Ufer und wir könnten hier nicht mehr laufen. Die Füße tun weh von den Steinen zwischen den Schienen. Es wird dunkler und dunkler. Wir entdecken eine Schlange, eine Korallenschlange, super giftig. Wir laufen also die Bahnschienen entlang und sind alle nur noch wie in Trance. Die Beine laufen von ganz allein, der Kopf ist ganz wo anders. Zweimal fallen mir sogar während des Laufens die Augen zu. Irgendwann kommen die Stirnlampen zum Einsatz und man sieht erstmal, wie feucht die Luft von dem reißenden Strom neben uns ist. Um 8 Uhr kommen wir nach 1,5 Stunden wandern entlang der Bahnschienen im Dunkeln in Cusco an. Die Rucksäcke werden im Hostel gelassen, der ein oder andere hüpft noch schnell unter die Dusche und bevor man es sich zu gemütlich macht, gehen wir noch was zusammen Essen. Sowie wir zurück sind, fallen alle in ihre Betten.

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